Einleitung in die Bibel

Der heilige Irenäus von Lyon (gest. 202) sagt in seiner Einleitung zum Kommentar des Buches Jesaja: «Wer die Heiligen Schriften nicht kennt, kennt Christus nicht». Der hl. Ephräm der Syrer (gest. 373) fügt hinzu: «Gott hat sein Wort mit vielen Wohltaten versehen, damit alle die es studieren ihren Gefallen daran finden … Sein Wort ist der Baum, der dich mit seinen Früchten nährt, es ist der Fels in der Wüste, aus dem für jeden Menschen, wo immer in der Welt, geistlicher Trank hervorquillt». Cäsarius von Arles (gest.542) verkündet: «Das Wort Gottes ist nicht weniger majestätisch als der Leib Christi; so wie wir ganz und gar aufmerksam sind, wenn uns der Leib Christi ausgeteilt wird, damit von unseren Händen nichts auf die Erde fällt, so müssen wir sorgfältig aufpassen, dass das Wort Gottes, wenn es an uns gerichtet wird, sich nicht von unseren Herzen löst». Die Christen glauben, dass die Bibel des wichtigste Buch für sie ist; das Christentum ist jedoch nicht eine Religion des Buches, sondern die Religion einer Person, Jesu Christi, des Sohnes des lebendigen Gottes. Die Bibel erzählt den Verlauf der Heilsgeschichte, die Gott im Leben der Menschen gewirkt hat. Sie spricht von der Liebe Gottes für die Menschen und lädt dazu ein, die Liebe, die Vergebung und den Frieden zu leben. Auch eröffnet sie die Möglichkeit des Heils für die Nicht-Christen durch die Vermittlung der Zeugen, die die Botschaft in alle Teile der Welt getragen und sie allen Völkern verkündet haben.

1. Die Bibel ist eine aus 73 Büchern bestehende Bibliothek

Die Bibel ist nicht ein einziges Buch, sondern sie ist eine Sammlung von mehreren Büchern. Man kann sie als eine Bibliothek bezeichnen, die sich aus 73 Büchern zusammensetzt: 46 machen das Alte Testament aus und 27 das Neue. Diese Bibliothek umfasst verschiedene literarische Genera, z. B.

  • Erzählungen: Sie erinnern die Vergangenheit mit dem Ziel, eine gemeinsame geistige Haltung zu schaffen. Es ist wie in den Familien: Wenn der Mensch die Geschichten seiner Großeltern hört, beginnt er zu verstehen, dass er zu der ein und derselben Familie gehört.
  • Heldengeschichten: Hier wird ebenfalls die Vergangenheit wachgerufen, jedoch mit dem Ziel, eine gemeinschaftliche Kraft zu erwecken und die Helden zu rühmen. Mit den Details nehmen es diese Geschichten nicht so genau.
  • Gesetzbücher: Sie ordnen das Leben des Volkes und fördern die Leben in Gemeinschaft.
  • Die Liturgie, die Feier von Festen und die Rituale (z. B. die Opferliturgien). Sie gestalten das Leben der Gemeinschaft so, wie die Feier von Festen die Familie zusammenhält. Sie sind auf die religiösen Tätigkeiten ausgerichtet und machen die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott sichtbar.
  • Gedichte, Lieder und die Psalmen: Sie bringen die Gebete des Volkes zum Ausdruck, seine Erfahrungen und seinen Glauben.
  • Prophetische Worte: Es sind «offizielle» Worte, die im Angesicht Gottes ausgesprochen werden und die zu authentischem Glauben einladen.
  • Prophetische und priesterliche Lehren: Sie finden Ausdruck in moralischen Vorschriften oder aber in Form von Parabeln, Geschichten und Erzählungen.
  • Weisheitsschriften: Es handelt sich hier um das Nachdenken über die Grundfragen des Menschen: Leben, Tod, Ursprung des Bösen, Leiden etc.

Das Alte Testament wurde auf Hebräisch verfasst. Es umfasst 39 Bücher, die kanonisch genannt werden und von den Juden und den Christen akzeptiert werden. Es besteht aus drei Teilen: der Thora, die fünf Bücher umfasst, den »Propheten« (Névyim), die 21 Bücher umfassen, und den »Schriften« (Kétovim). Sie umfassen 13 Bücher.

Im Alten Testament findet man auch die deuterokanonischen Bücher, die auf Griechisch verfasst sind. Sie wurden in der frühesten Kirche vom Lehramt als inspiriert anerkannt und in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen. Es sind diese sieben Bücher: Tobias (Tobit), Judith, das erste Buch der Makkabäer, das zweite Buch der Makkabäer, Weisheit, Ekklesiastes (Jesus Sirach) und Baruch sowie einige Kapitel des Buches Esther und Daniel.

Das Neue Testament entstand in drei Etappen. Die erste ist die historische, die über Jesus von Nazareth schreibt, wie er auf unserer Erde geboren wurde, unter uns gelebt hat, gestorben und auferstanden ist. Die zweite Etappe beginnt nach der Auferstehung. Es ist die Phase der mündlichen Tradition, als die ersten Predigten der Apostel vorgetragen und die ersten christlichen Hymnen verfasst wurden. Um das Jahr 51 A. D. beginnt die dritte Etappe, die der Redaktion: Es ist die Phase der Kristallisation. Warum der Redaktion? Aus zwei Gründen. Zunächst, weil viele historische Details über Jesus verloren zu gehen begannen; und weiter, weil die Zahl der Prediger unter den Völkern zunahm, und es so nötig wurde, die «memoria apostolorum», das Andenken an die Apostel, zu schreiben. Viele Bücher wurden im Andenken an Jesus verfasst. Das erste Mal in der Geschichte jedoch, zur Zeit des Papstes Damasus I. im Jahre 382 A. D., wurden die 27 Bücher in einem Band versammelt, den wir das Neue Testament nennen. Das Neue Testament bildet zusammen mit den Büchern des Alten Testaments die Heilige Schrift der katholischen Kirche. Danach haben alle Konzile diese Sammlung bestätigt. Die Handschrift des sog. Kanon Muratori aus dem zweiten Jahrhundert (um 180 A. D.) umfasst nur 21 Bücher.

Wie nennt man alle anderen Bücher, die sich nicht unter den 27 Büchern des Kanons von Papst Damasus I. befinden? Sie werden Apokryphen genannt. Es ist nicht erlaubt diese Bücher liturgisch zu verwenden, denn sie erbauen nicht den Glauben der Gläubigen. Was sind schließlich die Kriterien, die angewandt wurden um festzustellen, ob dieses oder jenes Buch kanonisch oder apokryph ist? Es sind drei: 1) der apostolische Ursprung; 2) die Annahme und der Gebrauch des betreffenden Buches durch die ersten christlichen Gemeinden und Kirchenväter; 3) die Aussagen der Konzile und der frühesten Handschriften dahingehend, dass dies allesamt Bücher sind, die vom Heiligen Geist, der die Kirche leitet und den Glauben der Gläubigen nährt, inspiriert sind.

So können wir bestätigen, dass die heiligen kanonischen Bücher der Kirche 73 zählen; alle anderen Schriften werden als apokryph betrachtet; der Kanon ist vollständig und die Offenbarung abgeschlossen; kein weiteres Buch kann zur Liste der 73 hinzugefügt werden.

2. Die Bibel ist das Hauptbuch der Kirche

«Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf» (Johannes 1,11). Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben. Das Wort Kirche bezeichnet, anders gesagt, «die Seinen», die in seiner ständigen Gegenwart leben. Die Kirche betrachtet die liturgischen Feiern als Quelle der Gnade, mittels derer Christus sein heilbringendes Werk unter den Gläubigen wirkt. Deshalb sagen wir: Die Kirche ist der privilegierte Ort des Wortes Gottes; es gibt eine innere Beziehung zwischen der Bibel und den Sakramenten. Sie ist keine andere als die zwischen dem, was Gott sagt und dem, was er tut, denn sein Wort ist «lebendig und kraftvoll» (vgl. Hebräer 4,12). Alle sieben Sakramente enthalten im ersten Teil ihrer Feier eine Liturgie des Wortes. Die heilige Messe und das Stundengebet der Kirche sind nichts anderes als Liturgien des Wortes. Sie erinnern an das Gebet der Synagoge, das Jesus praktiziert hat.

Der Dienst des Wortes Gottes in der Kirche beschränkt sich nicht auf die liturgischen Feiern; die Kirche verkündet das Wort Gottes den Gläubigen und unterrichtet sie in ihm, in Erfüllung des Hauptauftrags Jesu an seine Jünger, nach seiner Auferstehung: «Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe» (Matthäus 28,19-20). So werden die Gläubigen in der Katechese in den Pfarreien und Schulen gelehrt, das Wort Gottes zu verstehen und es in ihrem Leben in die Praxis umzusetzen. In den großen Versammlungen der Kirche wie den Eucharistischen Kongressen oder den Weltjugendtagen sorgt die Kirche dafür, dass das Wort Gottes erklärt wird, und bietet eine Belehrung an, die den Glauben stärkt. Deshalb sehen wir, dass die Heilige Schrift ein wesentlicher Grund war und bleibt für ein Aufblühen priesterlicher und Ordensberufe. Christus hat ja gesagt: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt» (Johannes 15,16). Durch die Lectio Divina [i. e. eine alte Form der Schriftlesung, die aus dem betrachtenden Lesen und Hören auf das Wort lebt und so Impulse für das eigene Leben zu gewinnen sucht] und die persönliche Betrachtung des Wortes inspiriert Gott auch heute viele Menschen beim Treffen ihrer Lebenswahl und beim Nachdenken darüber, welche Stellung sie als gläubige Christen in der Welt von heute einnehmen sollen.

3. Die Bibel ist das Buch der in der Welt engagierten Christen

Die Apostolische Schreiben Verbum Domini vom 30. September 2010 ruft in seinem dritten Teil die Christen auf, das Wort Gottes in den folgenden Bereichen engagiert in der Welt zu leben:

  • Das Wort Gottes und die Politik: In der Bibel finden wir einen Aufruf an die Personen, die im politischen und sozialen Leben engagiert sind. Es geht um die Einladung des Evangeliums zum Dienst an der Gerechtigkeit und dem Frieden unter den Völkern. Der christliche Politiker muss sich in seinem Sprechen und Handeln am Evangelium orientieren.
  • Das Wort Gottes und die Jugend: Die Jugendlichen haben ein ehrliches Verlangen, Christus kennenzulernen; so kann das Wort ihre Entscheidungen inspirieren. Sie haben die Pflicht, dem Wort gut zuzuhören und sich an ihm zu sättigen, damit es ihre tiefsten Wünsche erfülle.
  • Das Wort Gottes und die Migranten: Die Migranten haben ein Recht auf das Wort Gottes. In der Tat gibt es da zwei Gruppen. Es gibt diejenigen, die sich, obwohl sie Christus nicht kennen, in den christlich geprägten Ländern niederlassen; und es gibt die, die von den christlichen Traditionen geprägt sind, z. B. den orientalischen, und die in diese Länder auswandern. Beide Gruppen haben ein Recht auf Feiern des Wortes Gottes und auf christliche Belehrung im Zusammenhang damit.
  • Das Wort Gottes und die Leidenden: Die Nähe Jesu zu den leidenden Menschen ist ununterbrochen seit den Zeiten der Apostel; das Wort Gottes bringt Heilung und Linderung für die Leiden der Kranken und die Wunden der Verletzten.
  • Das Wort Gottes und die Armen: Der karitative Dienst sollte begleitet sein von der Verkündigung des Wortes; man sollte das Brot des Wortes zusammen mit dem alltäglichen Brot und den materiellen Hilfen für die Bedürftigen verteilen.
  • Das Wort Gottes und Umwelt: Das Wort Gottes lädt den Menschen ein, die Wunder der Schöpfung zu bestaunen und die Umwelt zu bewahren; das Gebet der Psalmen zum Beispiel ist erfüllt vom Lob Gottes für seine Schöpfung. Der Mensch ist beauftragt, sie zu respektieren und zu beschützen.

4. Die Bibel ist ein Buch der Kultur und der Künste

Die Bibel ist ein kultureller Schatz. Sie enthält menschliche und philosophische Werte, die die Menschheit positiv beeinflusst haben. Auf der Ebene der Kunst stellen wir fest, dass die Welt der Musik, Malerei, Skulptur und des Gesangs thematisch von der Bibel inspiriert ist und die Menschen innerlich berührt. Es genügt zum Beispiel, die Sixtinische Kapelle im Vatikan zu betreten, um von der Schönheit der Abbildungen biblischer Themen, wie zum Beispiel der des Letzten Gerichts, zuinnerst bewegt zu werden.

Auch ist es beachtlich, wie sehr das Wort Gottes in unseren Tagen in den Kommunikationsmedien wie Radio, Fernsehen oder Internet benutzt wird. So erreicht es eine größere Öffentlichkeit. In mancher Hinsicht erreichen wir in der biblischen Pädagogik durch den Einsatz der audio-visuellen Mittel mehr als durch die traditionellen Methoden der Predigt.

Was die Vermittlung des Wortes der Heiligen Schrift des Alten Testaments an die breite Öffentlichkeit angeht, so stellten die Reformen Josias (622 v. Chr.), Esdras und Nehemias wichtige erste Etappen dar. Als sich dann der Gebrauch der griechischen Sprache und die von ihr geformte Zivilisation um das Mittelmeer herum ausgebreitet hatten, kam die erste Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische zustande, die Septuaginta. Sie wurde von den Juden des ersten christlichen Jahrhunderts benutzt. Die Zahl der Übersetzungen und der Sprachen, in die die Bibel übersetzt wurde, wuchs über die Jahrhunderte ständig. Als Mitte des 15. Jahrhunderts die Buchdruckerei erfunden wurde, war die Bibel das erste gedruckte Buch. Tatsächlich ist die Bibel das meistübersetzte, das meistgedruckte sowie das am weitesten verbreitete Buch der Welt. Vergessen wir jedoch nicht, dass viele Völker immer noch darauf warten, dass die Bibel in ihre eigene Sprache übersetzt wird. Das Wort Gottes soll ja im genauen und unveränderten Wortlaut das Fühlen und Denken aller Völker erreichen.

Schlussbemerkung

Die Bibel ist das letzte Wort Gottes in der Kirche. Kein anderes heiliges Wort kann autoritativ in der Kirche verkündet werden, während sie das zweite Kommen Christi erwartet, der sein letztes Wort sprechen wird um die Lebenden und die Verstorbenen zu richten; in Erwartung dieser Wiederkunft sprechen der Heilige Geist und die Braut: «Amen. Komm, Herr Jesus!» (Offenbarung 22,20).

Obwohl die Bibel das letzte Wort Gottes ist, benötigen die Christen zu jeder Zeit eine Re-Evangelisation und ein erneutes, aufmerksames Hören auf die Eingebungen des Heiligen Geistes: Sie benötigen ein immer wieder neues Hören auf die Bibel, um sich so inspirieren zu lassen, neue Wege des gelebten christlichen Glaubens einzuschlagen. Deshalb hat Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. eine Synode zum Thema «Evangelisierung und die Übermittlung des Glaubens» einberufen, die vom 7. bis 28. Oktober 2012 in Rom tagte. Als Frucht dieser Synode hat der dann ein bedeutendes Apostolisches Schreiben zu diesem Thema veröffentlicht.

Am Ende können wir nicht anders als uns an die Jungfrau Maria, die Mutter des Wortes und die Mutter der Freude wenden: Es ist sie, die im Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes ihr Ja zum Engel gesprochen hat. Sie war Mutter Jesu nicht nur dem Leibe nach; der Herr selbst hat gesagt: «Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter» (Matthäus 12,50). Da Maria Jesus während seiner Verkündigung bis zum Kreuz gefolgt ist und seine Jünger bis zum Pfingsttag und während der ersten apostolischen Verkündigung begleitet hat, gilt ihr als erster die Seligpreisung ihres Sohnes: «Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen» (Lukas 11,28).