ERSTER TEIL:
DIE ANFÄNGE

Bitten, getauft zu werden, bedeutet: darum bitten, im Heiligen Geist neugeboren zu werden. Das Sakrament der Taufe ist alles andere als eine rein irdische Angelegenheit, wie etwa das Sich-einschreiben-lassen in eine neue Religion im staatlichen Register oder die Einschreibung einer Eheschließung mit einem Christen als einem rein bürokratischem Akt oder die offiziell bestätigte Erlangung eines höheren gesellschaftlichen Status. Das Ziel der Taufe ist, Jesus kennenzulernen und ihm persönlich zu begegnen, mit anderen Worten: Es handelt sich um das, was jeder Mensch sucht: das Geschenk der Erlösung. Es geht im hier folgenden Text also um die christliche Glaubenslehre zum Thema der Neugeburt aus Wasser und dem Heiligen Geist.

Wir haben uns dafür entschieden, dieses Buch vom Evangelium nach Matthäus her zu gestalten. Denn nachweislich bildete dieses Evangelium während der frühesten christlichen Generationen die Basis für die erste Unterweisung der Katechumenen. Der Grund dafür ist, dass Matthäus alle Worte Jesu in fünf Reden zusammengefasst hat, mit der Kindheitsgeschichte Jesu als Vorspann und der Darstellung des Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu als Schlussteil. Eine Studie über den Einfluss des Matthäus-Evangeliums auf die frühesten Kirchenväter2 hat aufgezeigt, dass vergleichsweise das Matthäus-Evangelium von ihnen am meisten gelesen und zitiert worden ist. Keine andere Schrift des Neuen Testaments wurde von den frühesten Kirchenvätern öfter zitiert, auch nicht das Evangelium nach Johannes oder die Schriften des Paulus. Man kann deshalb sagen: Das Matthäusevangelium ist das kirchliche und das liturgische Evangelium. Es lehrt uns, wie wir im Himmelreich zu leben haben, nämlich wie Brüder und Schwestern, die einander vergeben (Matthäus 18), und wie wir den ständig unter uns anwesenden Herrn, den «Gott mit uns» (Emmanuel), verehren sollen (Matthäus 1,23; 28,20). Der Leser des Matthäus-Evangeliums erfährt sich gleichsam wie ein Gläubiger, der in einer Kathedrale stehend den Weihrauch einatmet, während die Gebete der Gläubigen zu Gott emporsteigen.

Was die Kindheit Christi betrifft, so schildert Matthäus eine dramatische Geschichte, die vom Charakter der Verfolgung und des Mordes durch König Herodes dominiert wird. Die Figur Josefs, des aktiven Beschützers des Kindes, kontrastiert mit der des Herodes. Im Gegensatz zu Matthäus durchwirkt Lukas seine Darstellung der Kindheit Jesu mit einer Stimmung der Freude und Lobpreisung: Alle Figuren der Kindheitsgeschichte sind positiv eingestellt. So wird der Leser ermutigt, ihnen zu folgen, Jesus das Kind, den Sohn Gottes, anzunehmen und an der Freude über seine Geburt teilzunehmen. Obwohl die Mehrheit der arabischsprechenden Katechumenen aus dem Islam kommt, haben wir uns entschieden, die Verkündigung und die Geburt Jesu gestützt auf das Lukasevangelium darzustellen. Maria nimmt im Koran, so wie im Lukasevangelium, eine besondere Stellung ein. Eine Reihe von Informationen über sie sind ja von der einen in die andere Religion — allerdings nicht ohne gravierende Verzerrungen — übernommen worden. Nach der Analyse der Anfänge in den ersten drei Kapiteln kommen wir dann im vierten Kapitel wieder auf das Matthäus-Evangelium zurück, um den göttlichen Meister besser kennenzulernen und ihm auf unserem neuen Lebensweg zu folgen.


1. E. MASSAUX, Influence de l’évangile de Saint Matthieu sur la literature chrétienne avant Saint Irénée, BEThL 75, Leuven 1950.