Kapitel 22: Die Gefahr des Reichtums

Hinführung
Lesung und Erläuterung des Evangeliums
Theologische und geistliche Lehre
Zum Lesen und Meditieren

1- Hinführung

Allgemein gesprochen hängt der Mensch an Besitz, an Geld und an allem, was materiell ist, denn dies ermöglicht ihm ein angenehmes Leben. Wie soll er sich geistlichen Dingen zuwenden, die er nie erfahren hat, und die als Ergebnis bloßer Einbildung betrachtet werden? Ist es überhaupt möglich, allein in Gott seine Sicherheit zu finden? Welche Erfahrung hast du mit Geld und Besitz gemacht? Das alltägliche Leben lehrt uns jedenfalls, dass die Frage des Erbes eine der wesentlichen Ursachen für Konflikte zwischen Geschwistern ein und derselben Familie ist. Hast du auf diesem Gebiet je eine positive Erfahrung gemacht? Hast du schon einmal daran gedacht, alles zu verlassen, um dich ganz der Sendung Christi zu weihen? Bist du fähig, eine solche Berufung zu leben?

Dieses Thema des rechten Gebrauchs der materiellen Güter im Leben gehört in der Lehre der Kirche zum Bereich der christlichen Gesellschaftslehre. Sie verlangt von uns, dass wir die Solidarität von Reichen und Armen leben, und sie lehrt über die Jahrhunderte, dass die Gebote Gottes das Fundament der sozialen Werte und der Menschenrechte sind. Das ist es, was wir uns beim heutigen Treffen vor Augen führen wollen.

2- Lektüre und Erläuterung des Evangeliums: Die Frage des jungen Mannes (Matthäus 19,16-26)

16 Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 17 Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist «der Gute». Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote!

18 Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen; 19 ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! 20 Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch? 21 Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.

22 Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.

23 Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen. 24 Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. 25 Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? 26 Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.

2. 1- Erläuterung

Die hier vorliegende Perikope aus dem Evangelium nach Matthäus erzählt uns die Geschichte eines jungen, reichen Mannes (Matthäus 19,16-22) und gibt die Belehrung Jesu an seine Jünger über die Gefahr des Reichtums (Matthäus 19,23-26) wieder.

Der Text beginnt mit einer existenziellen Frage, die sich jeder stellen kann: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Sie weist hin auf ein inneres Verlangen, das sich bei vielen jungen Menschen einstellt, wenn sie sich nach ihrer Berufung fragen. Denn in diesem Alter fassen sie das Projekt ihres Lebens ins Auge. Die Antwort Jesu an den jungen Mann war, er solle die Gebote halten, zusammengefasst im Gebot der Liebe.

Der Mensch von heute hört nicht gerne Worte, die im Modus des Befehls gesprochen sind. So entfernt er sich von allen möglichen Verpflichtungen und äußeren Gesetzen. Dies ist auch eine Konsequenz der modernen psychologischen und sozialen Wissenschaften, die sich auf das «Ich» konzentrieren, auf die inneren Wünsche und darauf, dass man, dem Prinzip der Freiheit folgend, auf keinen Fall die persönliche Entwicklung blockieren dürfe.

Die Tatsache, dass die Zehn Gebote in einen theologischen Rahmen gehören, verbirgt in sich ein ausgeglichenes moralisches Denken, denn es vermittelt, durch tiefe Worte, Werte, die seit vielen Jahrhunderten dem Wohl des Menschen dienen.

Diese Werte sind: sich der Gegenwart Gottes und seines Wirkens in der Welt bewusst sein; der heiligen Dimension der Zeit einen Wert zumessen; ein Gleichgewicht im Leben zwischen Arbeit und Erholung herstellen; die Stabilität der Beziehung zwischen Mann und Frau sowie die gegenseitige Hilfe zwischen den Mitgliedern der Familie rechtfertigen; das Recht auf Leben und seine Würde respektieren; die Menschen und ihr Hab und Gut respektieren. Von diesen Werten leiten sich Rechte ab, die man in einer Liste von Rechten formulieren kann: das Recht, eine religiöse Beziehung mit Gott herzustellen; das Recht, den Glauben und die religiösen Symbole zu respektieren, das Recht auf religiöse Praxis, das Recht, auf Erholung und Wahl der Qualität des Lebens; das Recht der Familie und aller ihrer Mitglieder; das Recht auf Leben von seinem Beginn bis zu seinem Ende, das Recht auf Privateigentum, und andere mehr.

Es ist klar, dass der junge reiche Mann kein Problem damit hatte, in genereller Weise die Gebote zu beobachten. Jedoch sein Herz hing zu sehr am Geld, oder anders gesagt: Er hatte die sozialen Gebote, d. h. den zweiten Teil der Zehn Gebote gut beobachtet, dagegen die ersten drei vernachlässigt, d. h. die, die direkt mit der Liebe Gottes verbunden sind. Dieser junge Mann lebte in seinem sozialen Leben den Geboten konform, aber er hat aus seinem Vermögen eine unverzichtbare Versicherung gemacht und in Folge dessen seine Hoffnung nicht auf Gott gesetzt. Der Wille Christi ist aber, dass im Leben der Gläubigen dem Gottesreich die Priorität eingeräumt wird. Alle anderen Sorgen, familiärer oder materieller Art, sollten erst an zweiter Stelle stehen. Der heilige Paulus sagt: «Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinem Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts» (1 Korinther 13,3).

Der Aufruf an den jungen, reichen Mann, Christus zu folgen, war ohne Erfolg. Das bot Jesus die Gelegenheit, seinen Jüngern eine Lektion über die Gefahr Eine Lektion über die Gefahr des Reichtums, der seine Besitzer zum Sklaven der Materie macht, zu erteilen. Gott den Menschen geschaffen, damit er in seiner Gnade lebend frei sei, und damit er das Geld als ein Mittel und nicht als ein Ende benutze.

2. 2- Aktualisierung

Die Tatsache, dass Christus den jungen reichen Mann aufruft, ihm zu folgen, bedeutet, dass die Reichen nicht weit entfernt sind vom Reich Gottes. Der Reichtum ist nicht ein Hindernis, das den Eintritt ins Reich blockiert, aber er stellt eine Gefahr dar, die die Menschen vermeiden müssen, um ins Reich Gottes zu gelangen. Gott liegt daran, uns zu helfen, die gute Richtung zu erkennen, die unser Herz leiten sollte und die unserem Leben Richtung verleihen sollte. Der «Handel» mit Gott ist immer nutzbringend. Jesus hat tatsächlich verkündet, dass einige in gute Erde gesäte Samen 30-fachen Gewinn, andere 60-fachen und wieder andere 100-fachen Gewinn bringen (Matthäus 13,8.23). In dem Maß, in dem du dich von allem befreist, wird Gott dich und mit seinen Geschenken bereichern. So ist Vertrauen in seine väterliche Vorsehung vorteilhafter als unsere menschlichen Absicherungen. Man erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das nach ihrem Tod mit seiner Puppe zum Himmel kam. Sie wollte zusammen mit seinem Spielzeug in den Himmel eintreten. Als Sankt Petrus ihr das verbat, begann sie mit lauter Stimme zu weinen. Da kam die Jungfrau Maria und nahm sie an der Hand und ließ sie mit der Puppe eintreten. Als die Kleine den himmlischen Thron sah, wurde sie von der Liebe Gottes angezogen und ließ ihre Puppe zu Boden fallen. Die Moral dieser Geschichte ist, dass wir unser Herz von dem, was hoch oben ist, anziehen lassen sollten, von dem, was geistlich ist. So wird es Schritt für Schritt dem irdischen Leben angehören.

3- Theologische und geistliche Lehre: Die Sozialmoral

Die Soziallehre der Kirche

Der christliche Glaube stellt die Liebe über alle anderen Gebote und folgt so der Lehre Jesu. Wenn und sofern er die Liebe lebt, interessiert sich der Mensch für das Wohlergehen seines Nächsten. Es gehört auch zu den Pflichten des Gläubigen, seine Verantwortung wahrzunehmen, wenn er zum Wohl der Gemeinschaften oder der Gesellschaft beitragen kann. In diesem Sinn sagen wir, dass die Kirche eine Soziallehre besitzt. Heute stellen wir fest, dass diese Lehre angesichts der Tatsache, dass die Völker einander geöffnet sind und dass wir von nun an eine globale Verantwortung hinsichtlich der Umwelt, der Wirtschaft und anderer Bereiche haben, von großer Bedeutung ist. Diese Lehre erleuchtet die Gläubigen im Hinblick auf ihre Pflichten und Aufgaben im täglichen Leben.

Die Kirche hat alle diese Lehren in einem Moralkatechismus zusammengestellt, der allen zugänglich ist, die von ihm erleuchtet werden wollen. Hier seine wichtigsten Prinzipien:

Die Würde des Menschen ist die grundlegende Lehre, die es seit der Schöpfung der Welt als gott-gewollt zu bewahren gilt. Jeder Mensch ist geschaffen «als Abbild Gottes» (Genesis 1,27). Deshalb gilt es, das Leben des Menschen zu respektieren. Kein Mensch hat das Recht, daran zu rühren, unabhängig davon, ob dieser Mensch schwach oder krank ist, stark oder ein Kind oder Embryo. Außerdem ist eine Gleichheit zwischen allen Menschen geboten, denn sie besitzen alle die gleiche, von Gott garantierte Würde. Kein Unterschied besteht zwischen Mann und Frau was ihre Würde angeht, zwischen dem Vorgesetzten und dem Untergebenen, dem Bürger und dem Fremden.

Das Allgemeinwohl ist das Grundprinzip, das alles Nachdenken über die Frage des Privatbesitzes bestimmen muss. Kein Zweifel, das Individuum hat das Recht auf Privatbesitz. Es kann sich nach Belieben daran erfreuen. Dies ist notwendig für die Ausübung der menschlichen Freiheit. Allerdings ist dieses Recht nicht absolut. Der Besitzer hat an die Anderen zu denken und muss für die Realisierung des Gemeinwohls arbeiten. Die Kirche insistiert darauf, dass den armen und leidenden Menschen geholfen werden muss, nach dem Beispiel Jesu selbst.

Wir sollten auch das Prinzip der Solidarität hochhalten und die Arbeit in Gruppen fördern. Die Kirche hat auf diesem Gebiet eine Geschichte voll reicher Erfahrungen und Zeugnisse.

Die Kirche vergisst nicht, ihren Beitrag zu einem akuten Problem zu leisten, nämlich dem der Bewahrung der Umwelt, die ja ein Geschenk Gottes, des Schöpfers, ist. Selbst wenn der Mensch beauftragt ist, die Welt zu beherrschen, so muss dieser Auftrag für den Dienst und nicht für den Raub benutzt werden. Der Mensch hat die Pflicht, über die Bewahrung und den Schutz des Universums zu wachen, das ihm von Gott anvertraut worden ist.

Die Kirche engagiert sich auch in der Arbeit für die Entwicklung des Menschen und der Völker. Deshalb leistet sie einen Beitrag auf verschiedenen Ebenen, wie etwa dem der Erziehung, der Bildung und der Medizin. Aber sie weiß auch, dass, wie es Papst Benedikt XVI. formuliert hat, das beste Mittel der Entwicklung der Völker die Verkündigung der Frohen Botschaft von Jesus Christus ist.

4- Zum Lesen und Meditieren: Lesung eines Textes von Basilius dem Großen († 397)

Reiche und Arme

Was wirst du dem gerechten Richter antworten, der du die Mauern deines Hauses bekleidest, nicht aber deinen Nachbarn? Der du deine Pferde schmückst, aber deinen leidenden Bruder nicht beachtest? Der du deinen Weizen verfaulen lässt und den Hungrigen nichts zu essen gibst? Der du dein Gold versteckst und die Unterdrückten nicht verteidigst?

Vielleicht antwortest du: Was habe ich Böses getan, indem ich das bewahrt habe, was mir gehört? Im Namen Gottes, sage mir: Was gehört dir? Von wem hast du es genommen, um es zu besitzen, dein ganzes Leben lang? So wie du antwortest, sprichst du wie ein Mensch, der auf einem Sitz im öffentlichen Theater sitzt und der den anderen verbietet, den Saal zu betreten, damit er ganz allein die Vorführung genieße, als ob das Theater sein eigener Besitz sei, wo es doch der ganzen Welt gehört. Mit den Reichen ist es so: Sie nehmen an, dass die Güter der Allgemeinheit ihnen gehören, und zwar mit der Begründung, dass sie sich diese Güter vor den anderen angeeignet haben.

Wenn jeder Mensch das Nötige von seinem Vermögen nähme, um ihre Nöte zu befriedigen und den Rest denen überlassen würde, die nichts besitzen, dann gäbe es auf unserer Erde weder Arme noch Reiche. Du, der du alles verzehrst, glaubst du nicht, dass du dich ungerecht gegenüber einer großen Zahl von Notdürftigen verhältst, wenn du sie des Notwendigen entbehren lässt? Wer ist es, der Dieb der Gemeinschaft genannt zu werden verdient? Bist nicht du ein Dieb der Gemeinschaft, sofern du dir aneignest, was dir gegeben wurde, damit du es den anderen verteilst?

Man nennt jemanden Dieb, der den Reisenden die Kleider raubt. Verdient derjenige einen anderen Namen, der einen Armen, der nichts hat als seine Nacktheit, um sich zu kleiden, nicht kleidet?

Das Brot, das du in deinem Keller verbirgst, gehört den Hungrigen; das Kleid, das du in deinem Schrank verschließt, gehört den Nackten; die Schuhe, die du nicht benutzt, gehören denen, die barfuß sind, und das Gold, das du in der Erde vergräbst, gehört den Notleidenden. Du bist also ungerecht gegen die, denen du nicht hilfst, obwohl du ihnen helfen könntest.

(Homilie 6)