Kapitel 24: Palmsonntag

Hinführung
Lesung und Erläuterung des Evangeliums
Theologische und geistliche Lehre
Zum Lesen und Meditieren

1- Hinführung

Die Identität Christi war den Jüngern vor der Auferstehung nicht klar. Viele Propheten hatten das Kommen des Messias vorhergesagt; die Erwartungen der Juden bezüglich des Messias schwankten zwischen einem Sozialrevolutionär und einem politischen König, der sie vom Joch der römischen Besatzung befreien würde. Es war Jesus auferlegt, während seines irdischen Lebens das Geheimnis seiner Identität zu wahren, damit er nicht missverstanden werde. Nach dem Glaubensbekenntnis des Petrus in Cäsarea Philippi begann Jesus dieses Bild, das man von ihm hatte, zu korrigieren. Er erklärte öffentlich, dass der Messias gedemütigt und gekreuzigt werde, ja, dass er sterben und auferstehen werde. Von daher verstehen wir, warum Jesus die messianischen Rufe des Volkes am «Tag der Palmen» angenommen hat.

Was ist der Sinn des Zujubelns zu Jesus mit Palmen kurz vor seinem Leiden? Welche Folgerungen ziehen wir daraus für unser Leben heute? Dies wird das Thema des heutigen Treffens sein.

2- Lektüre und Erläuterung des Evangeliums: Messianischer Einzug in Jerusalem (Matthäus 21,1-11)

1 Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus 2 und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. 4 Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: 5 Sagt der Tochter Zion: / Siehe, dein König kommt zu dir. / Er ist friedfertig / und er reitet auf einer Eselin / und auf einem Fohlen, / dem Jungen eines Lasttiers. 6 Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. 7 Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. 8 Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

9 Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! / Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. / Hosanna in der Höhe! 10 Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? 11 Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazareth in Galiläa.

2. 1- Erläuterung

Der Einzug Jesu in Jerusalem stellt ein wichtiges Ereignis in seinem Leben dar. Die Geschichte beginnt mit den Vorbereitungen seitens Jesu und zwei seiner Jünger. So zählt Jesus auf seine kirchliche Gemeinschaft bei der Umsetzung seiner Pläne. Er bestieg nicht ein Pferd, wie es früher die Eroberer der Städte taten, sondern er ritt auf einer einfachen Eselin, Symbol des Friedens und nicht des Krieges, wie es der Prophet Sacharja (Sach 9,9) vorhergesagt hatte. Er ist ein demütiger König, anders als die anderen Könige. Er reagiert mittels des Friedens und nicht des Schwertes. Der Anfang des Zitats aus dem Propheten Sacharja erweckt unsere Aufmerksamkeit: «Sagt der Tochter Zion» (Matthäus 21,5a). Jesus verkündet der Hauptstadt, der heiligen Stadt, seine Ankunft. Vielleicht fragen wir uns: Wird sie ihn freudig empfangen? In der Tat, ihre Haltung wird im folgenden Vers 10 hervortreten. Dort war sie beunruhigt und verwirrt und frug sich: Wer ist dieser? Es war, als ob ein Erdbeben sie erschütterte. Sie war nicht einverstanden mit dem, was da passierte, trotz des Friedens, der diesen Einzug kennzeichnete. Sie ist beunruhigt genauso wie sie es war am Tage seiner Geburt (Matthäus 2,3).

Jerusalem war von einfachen und demütigen Leuten bewohnt. Ja, es befanden sich in ihr die religiösen und zivilen Verantwortlichen, die gegenüber Jesus eine eindeutig negative Haltung einnahmen. Aber gleichzeitig waren da Leute, die ihre Kleider auf dem Weg ausbreiteten, die Zweige von den Bäumen schnitten und damit den Weg bedeckten und die «Hosanna» riefen. Unter ihnen waren die, die ihn von Galiläa aus begleitet hatten und andere die anlässlich des Pascha-Festes von verschiedenen Orten her kamen. Für ihre messianischen Lobgesänge hatten sie sich von den Psalmen inspirieren lassen (Psalm 118,19). Das hebräische Wort «Hosanna», von dem sich das arabische Wort für Palmen ableitet, bedeutet: «Rette uns, o Herr!» Es handelt sich um einen Hilfeschrei, gerichtet an den König als Erlöser. Der Ausdruck «Sohn Davids» (Matthäus 21,9), auch von der kanaanäischen Frau (Matthäus 15,22) und von den beiden Blinden (Matthäus 20,30) bedeutet: Messias, abstammend von der Linie Davids. Es ist ein Titel, die Pharisäer Jesus verweigerten (Matthäus 12,23-24). Dagegen lautete die Antwort der Menge auf die Frage «Wer ist dieser?»: Das ist der Prophet aus Galiläa, d. h., der Prophet, der gemäß Deuteronomium 18,15 erwartet wird, und der die messianischen Versprechungen erfüllen wird. Wir fragen uns also, wohin sich am Karfreitag diese wunderbaren Antworten und Ausrufe des Palmsonntags verflüchtigt hatten? Vor Pilatus rufen sie: «Kreuzige ihn, kreuzige ihn!» Es handelt sich also nicht um eine feste Einstellung gegenüber Jesus: Mögen wir in unserem Leben nie in eine solche Haltlosigkeit verfallen!

2. 2- Aktualisierung

Aus dem Ereignis des Einzugs Jesu in Jerusalem ziehen wir folgenden Schluss: Jesus ist ein König, der ganz anders ist als die anderen Könige der Welt. Er ist demütig. Sein Thron befindet sich in unseren Herzen. Jesus ist der König unseres Lebens. Wir sollten all die anderen kleinen Könige, die immer noch einen Platz in unserem Leben einnehmen mögen, vertreiben. Sie vergeuden unsere Zeit, und wir bringen ihnen immer noch so manche Opfer dar. Wenn wir einer Person als unserem König folgen, dann gilt es, ihm viel Zeit zu widmen. Die Frage ist also angebracht: Wie viel Zeit widme ich Jesus, meinem König, in meinem Alltag?

Die wankelmütige Haltung der Menge, die zwischen «Hosanna» und «Kreuzige ihn!» hin und her schwankt, bedeutet einen Verrat am Bund der Liebe. Vielleicht verraten auch wir Gott durch unsere Sünden. Aber wie barmherzig ist er! Er vergibt uns, wenn wir uns zu ihm bekehren. Wir müssen die Falschheit unseres Verhaltens überwinden. Der Heuchler mag den Leuten etwas perfekt vormachen, nicht aber Gott! Wer an Christus in seinem Herzen glaubt, muss dies in seinen Worten und in seinen Taten zeigen.

Als Jesus in den Tempel einzog, riefen die Kinder «Hosanna dem Sohn Davids» (Matthäus 21,15). Das Fest Palmsonntag ist auch das Fest der Kinder. Sie verstehen es, den Herrn zu loben. Die geistliche Kindschaft zu leben, verlangt gelebte Demut. Diese besteht vor allem in der Anerkennung der Macht Gottes und im Lob seiner Größe.

3- Theologische und geistliche Lehre: Die messianische Sendung. Jesus ist der Christus.

Das Versprechen Gottes ist eingelöst. Als Gott sein Volk im Alten Bund gründete, war dies eine entscheidende Etappe seines Heilsplans, der die ganze Welt erreichen sollte. Aber dieses Volk verlangte wie alle anderen Völker der Erde einen König. Dieser wurde bei seiner Inthronisierung mit Öl gesalbt. Von daher stammt das Wort «Messias». Gott antwortete mit dem Versprechen, dass er ihnen einen Messias-König geben werde, der alle ihre Erwartungen übertreffen werde. Es ist wahr, dass die Könige dieser Welt die Herrschaft über ihre Völker missbrauchen. Sie führen Kriege und töten die Menschen. Der erwartete Messias dagegen wird den Frieden bringen. Er wird ein guter Hirt sein, der über sein Volk wacht.

Das jüdische Volk hat das Versprechen Gottes nicht vergessen. Allerdings haben einige einen König erwartet, der aus ihm ein gefürchtetes Volk machen würde und der die anderen Volker besiegen würde. Der Traum von Sieg und Ehre hat sie zu verführen versucht, und sie begannen einen Messias zu erwarten, der diesen Vorstellungen entsprechen sollte. Dies gestaltete sich zu einer Tragödie und ist einer der Hauptursachen für den Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten seiner Epoche.

Als Jesus mit seinen Jüngern in Cäsarea Philippi war, frug er sie: «Für wen halten die Leute den Menschensohn?» (Matthäus 16,13). Petrus antwortete: «Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes» (Matthäus 16,16). Allerdings wies derselbe Jünger zurück, was Jesus über sein Leiden und seinen Tod sagte. Auch die anderen Jünger erwarteten, dass Jesus ihren Traum von einem irdischen Reich verwirklichen würde. So entschied sich Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem, auf einer Eselin zu reiten, um so das Denken der Leute auf das zu lenken, was die Propheten des Alten Bundes verkündet hatten: Er ist gekommen, um den Frieden und nicht den Krieg zu verbreiten, er wird ein demütiger König sein, der nach dem Willen Gottes, seines Vaters, leben wird.

Und so geschah es. Am Kreuz enthüllt sich die wahre Identität des Gottesreiches, wofür Jesus zu verwirklichen gekommen war. Gleichzeitig offenbarte sich dort sein wirkliches Königtum. In den Leidensberichten Jesu in den Evangelien, besonders im Leidensbericht nach Johannes, finden wir viele Indizien, die zeigen, dass er der erwartete König-Messias ist, der seine Sendung durch die Hingabe seiner selbst verwirklicht. Gott hat den Sieg seines Sohnes mittels seiner Auferstehung kundgemacht. Jesus ist also König nicht allein durch seinen Tod, sondern auch durch seine Auferstehung. Durch seinen Tod hat seine Liebe ihren Höhepunkt erreicht, und durch seine Auferstehung hat sein ewiges Leben uns eingeholt.

Bis heute verführt der Traum von messianischer Größe und Ehre eine große Anzahl von Juden, die Jesus nicht als den Messias akzeptieren. Und dieser Traum existiert auch bei gewissen Christen, die die wahre Natur des Gottesreiches nicht verstanden haben. Dennoch, die wahren Jünger Jesu bekennen wie Petrus, dass Jesus der Christus ist, der Sohn des lebendigen Gottes, selbst wenn dieses Bekenntnis von ihnen verlangt, auf demselben Pfad wie Jesus und auf seine Weise voranzuschreiten, indem sie die Liebe, den Frieden und die Auferstehung verkünden, bis zum letzten Atemzug.

4- Zum Lesen und Meditieren: Lesung aus eines Textes des heiligen Johannes Chrysostomos († 407)

Freitags-Homilie vor dem Palmsonntag

Da wir nun, durch die Gnade Gottes, ans Ende der vierzig Tage des Fastens gelangt sind und wir das erfüllt haben, was von uns verlangt ist, bleibt es unsere Aufgabe, uns zu hüten vor Langeweile, das Versagen zu meiden, uns in Acht zu nehmen vor der List der Sünder, Begeisterung in der Hoffnung zu zeigen und die Mittel des Bittgebets zu verdoppeln. So werden wir den Höhepunkt der Tugend erreichen, und wir werden in die Stadt der Siegreichen eintreten. Tatsächlich handeln die für ein Schiff Verantwortlichen so. Wenn sie eine lange Reise unternehmen, verdoppeln sie ihre Anstrengungen, sobald sie sich dem Ufer nähern. Wenn sie enormen Wellen ausgesetzt sind, strengen sie sich an, mit noch mehr Energie zu rudern. Sie aktivieren ihre Instrumente und Männer, um sich vor bösen Überraschungen zu behüten. All dies, um gesund und sicher den Hafen zu erreichen.

Wenn die Schiffskapitäne eine Anstrengung machen, um ihr Ziel zu erreichen, und wenn sie sich im Wettbewerb bis hin zur Selbstaufopferung einsetzen, wie viel mehr müssen dann auch wir unsere Anstrengungen mehren, denn wir sind die Besitzer wahrer Schätze und kostbarer Perlen. Wir müssen uns hüten vor den Dieben, den Feinden der Tugend, denn wenn sie sehen, wie wir die ganze Nacht über unsere Schätze bewachen, dann warten sie bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir ermüdet einschlafen. Dann umzingeln sie uns und werden unserer Vorräte und Schätze habhaft.

(Homilie 76)