Kapitel 25: Die Steuerfrage

Hinführung
Lesung und Erläuterung des Evangeliums
Theologische und geistliche Lehre
Zum Lesen und Meditieren

1- Hinführung

Politik ist die Kunst, dem Gemeinwohl zu dienen. Der Mensch hat die Pflicht, die politische Autorität zu respektieren, nach dem Prinzip: «Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört» (Matthäus 22,21)! Doch man fragt sich, bis zu welchem Punkt die Gesetze des Staates bindend sind? Was eint Kirche und Staat und was trennt sie? Kann eine Person gleichzeitig sowohl als wahrer Christ wie auch als jemand leben, der politisch engagiert ist? Was ist deine Erfahrung im Blick auf dein Land, und glaubst du, dass Christus gekommen ist, um dir in diesem Fragenbereich etwas Neues zu sagen?

Es versteht sich, dass das politische System sich nicht auf sich selbst beschränken kann, es muss bezogen sein auf ethische Werte und Vorschriften. Die Politik wird von Menschen praktiziert, die dem Irrtum und den menschlichen Launen ausgesetzt sind, und so ist es durchaus möglich, dass sie leicht vom guten und noblen Weg abweichen. Dann verwandelt sich die Politik von einem auf das Wohl des Menschen ausgerichteten System in sein Gegenteil. Dies wird das Thema unseres heutigen Treffens sein. Dabei gehen wir vom Text des Matthäus-Evangeliums zur Steuerfrage aus.

2- Lektüre und Erläuterung des Evangeliums: Die Steuerfrage (Matthäus 22,15-22)

15 Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. 16 Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. 17 Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? 18 Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle?

19 Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. 20 Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?

21 Sie antworteten: des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! 22 Als sie das hörten, waren sie sehr überrascht, wandten sich um und gingen weg

2. 1- Erläuterung

Während seines zweiten Tages in Jerusalem (Matthäus 21,18) betrat Jesus den Tempel und verließ ihn wieder, nachdem er die Pharisäer angegriffen hatte und sie der siebenfachen Heuchelei bezichtigt hatte (Matthäus 23,13-36). Wir stellen fest, dass sich im Tempel (Matthäus 21,23-24,1) eine wachsende Spannung zwischen Jesus und seinen Gesprächspartnern entwickelte. Zunächst fanden fünf Kontroversen mit ihnen statt, aus denen Jesus durch seine Weisheit und seine Antworten als Sieger hervorging. Die erste Kontroverse betraf seine Autorität: woher er komme, von Gott oder von den Menschen? Jesus antwortete auf diese Frage nicht direkt, aber er gab drei Gleichnisse (die zwei Kinder, die mörderischen Weinbauern, das Hochzeitsmahl), die zeigten, dass seine Autorität von Gott kommt. Die Themen der anderen vier Kontroversen waren: die dem Kaiser geschuldete Steuer, die Auferstehung der Toten, das größte der Gebote und wie der Messias zur gleichen Zeit Sohn und Herr Davids sein könne.

Vom Kontext des Evangeliums über die Steuerfrage her stellt man fest, dass der Ton des Textes eine Spannung zwischen den Gesprächspartnern anzeigt. Die Atmosphäre ist stressig und gespannt. Die Feinde kommen mit dem Ziel, Jesus zu einer öffentlichen Erklärung zu bewegen, die zu seiner Festnahme führen und sein weiteres gesellschaftliches Wirken unterbinden soll. In der zweiten Kontroverse benennt Matthäus klar das Ziel der Versammlung des Rates der Pharisäer: «Sie beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen» (Matthäus 22,15). Um dieses Ziel zu erreichen, sandten sie ihre Jünger zusammen mit den Herodianern. Die Anhänger des Herodes sind loyal gegenüber den Römern, die auf jeden Juden eine Steuer erhoben, ausgenommen Kinder und Alte. Zu diesen Abgaben kamen die üblichen Steuern wie Zoll und Wegesteuern hinzu. Den Herodianern passten diese Steuern, von denen sie profitierten. Dagegen waren die frommen Juden gegen diese Steuern, weil das Entrichten dieser Steuern für sie einem Einverständnis mit der Autorität der Römer und ihrer Kolonisation gleichkam. So wird die Antwort Jesu, wie immer sie ausfallen mag — gegen oder für das Entrichten der Steuer —, ihn in jedem Fall auf die Seite der einen Partei und gegen die andere stellen.

Die Gesprächspartner sind in heuchlerischer Weise gekommen; sie ergehen sich in Lobsprüchen und Komplimenten für Jesus (Matthäus 22,16). Aber Jesus, der ihre Verschlagenheit kannte, qualifiziert sie als «Heuchler» (V. 18), in Matthäus schon das zweite Mal (nach Matthäus 15,7), bevor er sie im folgenden Kapitel schmäht. Jesus verabscheut die Doppelzüngigkeit in ihrem Verhalten und den Widerspruch zwischen dem, was sie wirklich sind, und dem Anschein, den sie sich geben. Bevor wir die Antwort Jesu erklären, sei darauf hingewiesen, dass das Vorhandensein eines Denars in ihren Taschen im Tempel, ihre Zustimmung dazu verrät, das der Kaiser Rechte über sie hat. In der Tat, der Heuchler betrügt sich selbst, bevor er die Anderen betrügt: Er ist das erste Opfer seines theatralischen und religiösen Spiels.

Die Antwort Jesu «So gebt dem Kaiser, was dem Kaisers gehört, und Gott was Gott gehört» (Matthäus 22,21) stellte zuallererst eine Kritik der Gesprächspartner dar, bevor sie eine Kritik des Kaisers war. Sie sind in die Grube gefallen, die sie für ihre Feinde gegraben haben (vgl. Psalm 7,13). Jesus gab ihnen eine Einführung in die Lehre über die Rechte Gottes, ohne damit die Rechte des Kaisers grundsätzlich in Frage zu stellen. Nach Jesu Lehre kann der Mensch es so einrichten, dass er die religiösen und zivilen Verpflichtungen erfüllt, vor allem dann, wenn der Staat sich nicht der moralischen Ordnung entgegenstellt, die von Gott gewollt ist.

2. 2- Aktualisierung

Man könnte sich fragen, was genau Gott gehört und was man für ihn tun muss? Einige sagen, dass der Satz «Gib Gott, was Gott gehört» aussagen möchte, dass der Mensch total Gott gehört. Er habe ihn geschaffen und erlöst, und der Mensch sei sein Eigentum. Was dagegen den Kaiser angeht, so ist klar, dass seine Autorität von vorübergehender und nicht von ständiger Dauer ist. Wir sind verpflichtet, uns seinen Entscheidungen zu fügen, solange sie nicht den ethischen Prinzipien und den Rechten des Menschen widersprechen.

Wenn wir das Verhalten der Pharisäer mit dem des Teufels im Text von den drei Versuchungen Jesu in der Wüste (Matthäus 4,1-11) vergleichen, stoßen wir auf die folgenden Ähnlichkeiten: Sie sind gekommen, um Jesus in die Enge zu treiben und um ihn zu versuchen, wie es der Teufel getan hat (das Verbum im griechischen Original ist dasselbe in beiden Fällen, in Matthäus 4,3 und 22,18); am Ende der Episode, nachdem Jesus sie besiegt hatte, sind sie weggegangen, genauso wie es der Teufel nach der misslungenen Versuchung Jesu in der Wüste getan hat (Das im griechischen Original verwandte Verbum ist wieder in beiden Fällen dasselbe, Matthäus 4,11 und 22,22). Dazu kommt das heuchlerische und bösartige Verhalten der Pharisäer hier. So soll der Gläubige, der jeden Tag die Worte «und führe uns nicht in Versuchung» spricht, in seinem Verhalten jegliche Heuchelei oder Bösartigkeit anderen gegenüber vermeiden und sich an das Wort Jesu erinnern: «Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen» (Matthäus 9,37).

3- Theologische und geistliche Lehre: Die politische Ethik

Politisches und soziales Engagement

Die Kirche lehrt, dass die soziale Dimension zur Natur des Menschen gehört. An erster Stelle steht die Zugehörigkeit zur Familie und zu der am nächsten stehenden Gemeinschaft, dann die zu Wohnort und Land. Deshalb muss diese Dimension mit Sorgfalt und Respekt behandelt werden. Die lokale Gemeinschaft oder das Land stellen eine Verwurzelung in der gemeinsamen Zivilisation und im historischen und kulturellen Erbe dar. Es ist deshalb notwendig, dass der Mensch es vermeidet, sich in sich selbst zu verschließen, was immer die Umstände sein mögen. Er muss sich in allen möglichen sozialen Dimensionen auf seine Umwelt hin öffnen und mit ihr zusammenarbeiten. Er sollte alle seine Aufgaben erfüllen und darüber hinaus sollte er mit einer Liebe arbeiten, die das Geschuldete und Erforderliche übersteigt.

Die Kirche verlangt, dass jeder Gläubige seine zivilen Vorgesetzten achtet und ihnen gehorcht, wie es der heilige Petrus sagt (1 Petrus 2,18). Das folgt aus dem Prinzip der Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung, die das Gemeinwohl der Bevölkerung garantiert. Kein Mensch hat das Recht, gegen die zivilen Gesetze zu verstoßen, es sei denn, er sieht sich mit einem klaren Widerspruch mit dem Willen Gottes und seiner Oberherrschaft über alles Existierende konfrontiert. Wenn dies gesagt ist, gilt es zu beachten, dass es stets rechtens ist, sich aktiv für die Änderung ungültiger Systeme einzusetzen. Gleichzeitig sollten die Gläubigen die sozialen und politischen Systeme so zu gestalten helfen, dass sie die Würde des Menschen adäquater respektieren. Die sozialen Strukturen und die menschliche Person bedürfen einer ständigen Konversion, damit sie täglich dem näher kommen, was Gott für den Menschen wünscht.

Andererseits müssen der Staat und die Gemeinschaft sich darum bemühen, dass sich Gruppen und Individuen entwickeln. Das Vaterland sichert und favorisiert die Freiheit seiner Bürger. Die Kirche verlangt von den großen gesellschaftlichen Gruppen, nicht durch Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten die Rechte der Minderheiten zu verletzen, zum Beispiel darf der Staat nicht die Stelle einnehmen, die der Stadt zukommt. Und die Stadt oder Kommune nimmt in der Erziehung nicht den Platz ein, der der Familie zukommt. Im selben Sinn sollte die Autorität auf verschiedenen Schultern ruhen. Niemand darf sich eine absolute Autorität anmaßen. Die Verantwortungen und die Machtbefugnisse sollten aufgeteilt werden. Die Staaten sollen von einer Verfassung und nach Regeln regiert werden, die auf den Menschenrechten basieren. Sie sollen nicht zum Spielball der Launen der Verantwortlichen werden.

Es ist wichtig, dass eine Nation die Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, weise benutzt, um das zu garantieren, was für alle notwendig ist. Das Ziel rechtfertigt die Mittel nicht. Jede Nation sollte ihr Volk respektieren und im Hinblick auf die Würde und die Rechte aller die Prinzipien der Gleichheit befolgen. Die Kirche ruft im Namen des Gemeinwohls dazu auf, die Würde des Menschen sowie sein Recht auf umfassenden Fortschritt in allen wichtigen Bereichen des Lebens zu respektieren. Die Gläubigen sollen engagiert in Solidarität mit allen anderen Bürgern leben und mit ihnen die zeitlichen, moralischen und geistlichen Güter teilen.

4- Zum Lesen und Meditieren: Lektüre eines Textes des heiligen Augustinus († 430)

Fremdsein in diesem Leben

Du bist ein Fremder in diesem Leben. Du bist dann ein wirklicher Christ, wenn du weißt, dass du Fremder in deinem Haus und in deinem Land bist. Denn dein Land ist dort oben; dort wirst du kein Gast oder Durchreisender sein. Aber in deinem Haus hier bist du nur ein Besucher, wenn nicht, hättest du es nie verlassen.

Wenn es deine Pflicht ist, dieses Haus zu verlassen, dann deshalb, weil du wohl oder übel nur ein Besucher in ihm bist. Lass dein Haus für deine Kinder, du Reisender auf Besuch; überlass es denen, die auf Durchreise sind wie du. Würdest du in einem Hotel dein Zimmer nicht dem nächsten Reisenden überlassen? In deinem Haus wirst du dasselbe tun. Wie dein Vater dir seinen Platz überlassen hat, musst du ihn deinen Kindern überlassen.

Du wohnst hier nicht wie jemand der bleibt, und denen du dein Haus überlässt, sie werden auch nicht bleiben. Warum arbeitest du? Und für wen tust du es? Du wirst sagen: für meine Kinder. Und er dort, für wen arbeitet er? Für seine Kinder. Und diese dort, für wen arbeiten sie? Für ihre Kinder. Niemand also arbeitet für sich selbst. Mache aus deinem Reichtum eine Stütze für dich auf deiner Reise, damit dein Reichtum nicht ein Motiv für deine Gier wird. Nehme von deinem Vermögen, was notwendig ist, und versuche, dich nicht an ihm zu ergötzen. Sich an einer Sache zu freuen, stellt eine Form der Anhänglichkeit an ihr Wesen dar. Jedoch ihr Gebrauch wandelt sich in ein Mittel, um bei denen anzukommen, die wir lieben, falls sie denn der Liebe fähig sind. Der unsachgemäße Gebrauch bedeutet schlechten Gebrauch oder schlechtes Vorgehen/Verhalten. Singe jetzt, damit du Trost findest in der Mühe; nicht, damit du dich erfreust an der Schönheit der Ruhe. Singe, wie es die Reisenden zu tun pflegen. Singe, freue dich und erleichtere dich durch deine Lieder in der Mühe. Und gib dich nicht der Untätigkeit hin. Singe und gehe voran. Geh voran im Guten. Wenn du vorangehst, bist du froh. Geh voran im Glauben und mit dem Tun des Guten. Verirre dich nicht, geh nicht zurück und bleibe nicht stehen.

(Predigten eines Philosophen, 9)